 | „SOZIALER BRENNPUNKT“ – Das erste Album von Knak
Nur der kann das Leben im Dschungel beschreiben, der dort gelebt hat. Nur der kann nachempfinden, was der ständige Kampf um Essen, Aufmerksamkeit und Liebe in einem Lebewesen bewirkt. Und vor allem kann nur der den Dschungel beschreiben, der den Weg nach draußen gefunden und der sein Leben von außen gesehen hat. Der Titel ist Programm in Knaks erstem Album, es geht um seine Herkunft, es geht um sein Leben, und was für einen Menschen es aus ihm gemacht hat.
Geldknappheit, Gewalt, Trauer, Hass, Misstrauen, Kriminalität, zerstörte Familien, Perspektivlosigkeit – das Leben im sozialen Brennpunkt ist hart und für die Meisten ausweglos. Trotzdem gibt es auch in einem Problembezirk Freude, Hoffnungen und Träume, Ehrlichkeit, Freundschaft und Liebe. Knak führt den Hörer in diesem Album auf beide Seiten, zeigt die schönen, genau so wie die hässlichen Dinge, die zum Leben im Brennpunkt gehören. Die ausschließlich von seinem Partner Turbobeatz produzierten Instrumentals sind meist aggressiv und melancholisch zugleich und fangen so die angespannte Atmosphäre auf der Straße ein.
Es gibt viele Wege, die man gehen kann, aber nur die wenigsten führen aus der Gosse heraus – Knak weiß, wovon er redet. Er warnt vor Gefahren und macht gleichzeitig Hoffnung, aber vor allem liefert er ein authentisches Bild von einem Leben, das die Meisten nur vom Hörensagen kennen. Dem Leben im „Sozialen Brennpunkt“.
Bio
Die Geschichte von Knak ist einzigartig und steht doch beispielhaft für seine Generation: Mit allein erziehender Mutter aufgewachsen, den Vater nie kennen gelernt, Leben in einem sozialen Brennpunkt, Gangkriminalität. Dass er sich aus diesem Sumpf befreien konnte, und nicht, wie so viele seiner Freunde, auf Drogen, im Knast oder schon tot ist, verdankt er, neben seiner Mama, vor allem sich selbst.
1979 geboren, lebt er die ersten Jahre mit seiner Mutter in Hamburg-Neustadt. Sie arbeitet hart, sechs Tage die Woche, um ihrem Sohn ein gutes Leben zu bieten, aber als er fünf Jahre alt ist, müssen sie schließlich nach Rothenburgsort umziehen, einen so genannten sozialen Brennpunkt. Backsteinhäuser, Schrottplätze und ein riesiges Industriegebiet bestimmen das Bild in seiner neuen Heimat, viele Kinder und Jugendliche wohnen hier, und die meisten sind in irgendeiner Gang.
Mit 13 Jahren fängt Knak an, Stromkästen, Bushaltestellen und seine S-Bahn-Station zu taggen, und erwirbt sich so schon bald genug Ruhm in seinem Viertel, um von einer Gang aufgenommen zu werden. Verschiedenste Nationalitäten sammeln sich in der Gruppe, und Knak ist eins der jüngsten Mitglieder, daher ist es für ihn am Anfang nicht leicht, sich durchzusetzen. Taggen, Abziehen, Einbrüche und Massenschlägereien mit anderen Stadtteilen gehören von nun an zur Tagesordnung. Knak zeigt keine Angst, und leistet seinen Beitrag zum Ansehen der Gang, so wird er schließlich nicht nur akzeptiert, sondern die Leute fangen an, ihm mit Respekt zu begegnen.
In der Schule sieht es dafür weniger gut aus. Die meisten Fächer sind für Knak Zeitverschwendung, Lehrer sind Gegner, und so wechselt er ständig die Schulen, bis er schließlich endgültig abbricht. Es ist keine gute Zeit, denn kaum ein Monat vergeht, in dem Knak nicht mindestens einmal auf Zelle landet oder vor Gericht erscheinen muss. Straftaten, Verhandlungen, Sozialstunden, Jugendgerichtshilfe, Geldstrafen – sein Leben dreht sich im Kreis, und er merkt es zwar noch nicht, aber es geht langsam aber sicher bergab.
Der einzige positive Einfluss, der ihn in dieser Zeit erreicht, ist Graffiti. Hier kann Knak seine enorme Kreativität ausleben, hier lernt er viele Leute mit verschiedenen Backgrounds kennen, er ist ständig in Hamburg und Umgebung unterwegs, und so langsam lässt er sein Rothenburgsorter Gangsterleben hinter sich. Nervenkitzel hat er auch genug, wenn er vom BGS mit Hunden über die Gleise gejagt wird. Inzwischen hat er sich mit seinen krassen Aktionen in seiner Stadt einen guten Namen gemacht, die bekannten Maler werden auf ihn aufmerksam, und viele Sprüher würden ihn gern in ihrer Crew haben. Knak ist in der Hamburger Writerszene so was wie der Newcomer des Jahres, und wird Mitglied in einigen wichtigen Crews. 1995 gründet er mit einigen Kollegen die SN-Crew, deren Name auch heute, fünfzehn Jahre später, immer noch bekannt ist, und deren Spuren in Hamburg an jeder Ecke zu finden sind.
Nach dieser alles in allem zwar anstrengenden aber absolut sorgenlosen Zeit wird es ernster, und Knak wird auf die härteste Probe seines Lebens gestellt: Mehrere Schicksalsschläge treffen ihn hart, und er ist gezwungen, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft komplett neu zu überdenken. Das erste Mal in seinem Leben ist er ganz auf sich allein gestellt, und er stellt ernüchtert fest, dass er bisher noch nicht allzu viel erreicht hat. Einen gewissen Ruhm im Graffiti-Underground, einige Strafanzeigen und tausend Kollegen, aber das alles nützt ihm jetzt überhaupt nichts. So trifft er eine der wichtigsten und besten Entscheidungen seines Lebens, und entschließt sich, seinen Hauptschulabschluss nachzuholen und seine Lehre zu beenden.
2001 trifft er seinen alten Kumpel Turbobeatz wieder. Der macht inzwischen auch nicht mehr die Straßen unsicher, sondern schraubt an seinem Atari-Computer und seinem Roland Keyboard Beats zusammen, die Knak beim ersten Hören direkt ins Ohr gehen. Nach ein paar Sessions wird beiden klar, dass sie musikalisch und menschlich auf einer Wellenlänge liegen, und schon bald entscheiden sich Knak und Turbo, selber ernsthaft Musik zu produzieren. Schon früher in Rothenburgsort hatte Knak mit ein paar Freunden Deutschen Rap in einer Hinterhofgarage produziert, aber alles ziemlich oldschool: Einer hatte die MC 303 Groovebox von Roland, ein Anderer hatte einen Plattenspieler, zwei Jungs rockten das Mic und fertig war der Track. Zwar war das alles schnell wieder im Sand verlaufen, aber die Leidenschaft zur Musik hat ihn seitdem nie mehr losgelassen. Gesagt, getan, Knak und Turbo besorgen sich ein Mic, stellen ihr komplettes Equipment in die WG eines Freundes, und fangen an, die ersten Tracks einzuspielen.
Zur gleichen Zeit tritt Knak der 180 Crew bei, die 1996 von einem Nettelnburger Kollegen gegründet wurde, und wird damit Mitglied einer, wie Polizei und Medien es nennen, „europaweit agierenden kriminellen Vereinigung.“ Observierungen, Hausdurchsuchungen, Festnahmen und Gefängnisstrafen in seiner näheren Umgebung sind die Folge.
2006 schließlich zieht Knak die richtigen Lehren und beendet seine kriminelle Laufbahn. Dabei hilft es ihm, dass er seine jetzige Freundin kennen lernt und sich, außer der täglichen Arbeit, ausschließlich auf die Produktion seines Albums konzentriert. Alles fließt ab jetzt in die Musik: Seine Erinnerungen, Zweifel, Erfolge, sein Glück, sein Schmerz, die guten und die schlechten Erfahrungen. Knak gründet mit Turbobeatz das Label „Einz8Null Records“, auf dem 2010 sein erstes Album „Sozialer Brennpunkt“ veröffentlicht wird.
Es war ein weiter Weg hierher für Knak, und mit dem Album hat er das erste Ziel erreicht. Aber das ist kein Grund, sich auszuruhen. Der Weg ist noch lange nicht zu Ende.
Man darf also gespannt sein, wo ihn dieser Weg noch hinführt…
www.myspace.com/knak180
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