
Russell Simmons

PHAT FARM VIP
Flagshipstore Eröffnung mit RUSSEL SIMMONS in Madrid
Russell, als einer der vielseitigsten und erfolgreichsten Geschäftsmänner der USA, als einer der engagiertesten Innovatoren von Charity-Projekten: Gibt es eine Energie, unter der sich alle deine Aktivitäten zusammenfassen lassen?
Ja, das ist die Idee eines guten Service, der guten Dienste. Ich bin mein gesamtes Leben ein Diener der HipHop-Kultur gewesen. Ich habe immer für meine Künstler gearbeitet, und mit ihnen daran, ihre Ideen nach vorne zu bringen und sie zu schützen. Dieses Beschützen guter Ideen hat mich immer wieder inspiriert, neue Wege des Ausdrucks zu finden, die zwar ihren Ursprung in der HipHop-Kultur haben, aber nicht zwangsläufig immer nur mit Musik zu tun haben. Wie Mode, Poetry, Comedy – all diese Dinge sind HipHop. Und die Frage wiederum, was HipHop so besonders macht, hat mich dazu gebracht, mein neues Buch zu schreiben, welches in dieser Woche zum Bestseller aufgestiegen ist. Es entstand aus der Idee, dass es in dir eine Möglichkeit gibt, ein wirklich großer Diener für die Sache zu sein.
Worum geht es dann deiner Meinung nach vor allem in der HipHop-Kultur?
Um Rebellion. Denn das, was in deinem Herzen wohnt, unterscheidet sich immer von dem, was du siehst. Dieser Widerspruch, den du erkennst, wenn du in dich hinein schaust, ist entscheidend. Mit anderen Worten: Der Widerspruch dessen, was die Gesellschaft von dir erwartet, und was Gott in dir sieht. Was das höhere Ich von dir erwartet, ist, eine bessere Einheit aus diesem Gegensatz zu formen. Viele Leute erkennen diesen Widerspruch nicht, weil sie nicht in sich hinein schauen. Und das Ergebnis ist, dass sie fürchterliche Dinge tun, dass sie mit gespaltener Zunge reden und ganz anders handeln, als sie reden. Du kannst diesen Gegensatz sehen, denn du schreibst darüber. Jeder kreative Mensch kennt diesen Blick in sich hinein, weil er sich mit den Dingen auseinandersetzt.
Mit was für Dingen konkret?
Beispielsweise mit der Armut, mit dem Kampf des Individuums, in der modernen Gesellschaft zu überleben. Oder mit der Angst des einzelnen, mit dem allgemein grassierenden Frauenhass, mit der Gewalt, die überall herrscht. Viele erleben Gewalt erst durch ihr Geld, und sie zahlen es mit gleicher Münze heim. Sie interessiert es nicht, dass sie Menschen überall auf der Welt unterdrücken oder wegbomben. Sie interessiert nur die Vermehrung ihres Geldes, ihrer Spielzeuge. Diese Menschen wissen zwar, wohin ihr Verhalten führt, aber sie klammern dieses Wissen aus. Autoren und Poeten versuchen das immer wieder in Worte zu fassen, weil es sie erzürnt. Und wer das tut, hat gelernt, auf seine innere Stimme zu hören und dieser Stimme einen Weg an die Oberfläche zu schenken. Und um diese Rebellion geht es: Schenk deiner inneren Stimme Gehör, bis diese Stimme die Glocke der Gesellschaft läutet.
Würdest du denn sagen, dass die Protagonisten der HipHop-Kultur in einer Zeit, wo auch diese Kultur selber zu einem globalen Business geworden ist, noch immer auf ihre innere Stimme hören?
Manche definitiv. Alles, was wirklich gut und groß ist, wird dich berühren. Die Sache mit der inneren Stimme ist die: Tief in dir drin gibt es ausschließlich glückliche und süße Gedanken, während es an der Oberfläche all das gibt, was dir die Welt erzählt und vermittelt. Irgendwo dazwischen existiert dieser Widerspruch und deine Wut darüber. Diese Wut, die Unzufriedenheit, die du besitzt, deine eigene Ignoranz, mit der du Missstände hinnimmst, deine Reflexion der Umwelt, mit der du nicht glücklich bist: Um diese Dinge geht es. Hat das alles mit deinem höheren Ich zu tun? Nein. Hat das alles mit offensichtlichen Aspekten zu tun, die wir aber zu ignorieren gelernt haben? Ja! Zumindest die meiste Zeit ist das so.
In einem Zitat von dir heißt es, dass du die Grundbegriffe des Geschäftsmanns über das Business der Straße kennen gelernt hast. Ist das eines der Geheimnisse deines Erfolges, dass du diesen Straßenbezug immer beibehalten hast, selbst, als es um die großen Deals ging?
Das zu behaupten wäre falsch. Denn das Business der Straße ist eine unaufgeklärte, ungebildete Version dessen, was du in der Schule lernst. Der Unterschied ist natürlich: Du wirst auf der Straße niemals so kontrolliert wie in der Schule, und du bist auch nicht so begrenzt in deinen Handlungen und Visionen. In Einzelfällen lernst du in der Schule so viel über die Konformität der Seele, dass man verlernt, wirklich eigene, neue Ideen zu haben. Du verlierst deine Stimme und wirst zu einem besseren Schaf. Dagegen ist ein Unternehmer der Straße zumeist sicherlich freier in der Wahl der Mittel, obschon die Realität eher so aussieht, dass man ständig versucht herauszufinden, über welche Mittel man überhaupt verfügt.
Dennoch ist dein Erfolg auf all den unterschiedlichen Gebieten enorm; gibt es – abgesehen von deinen ganz frühen, schwierigen Versuchen als Booker für HipHop-Partys und Konzerte – überhaupt einen Geschäftszweig, der dir nicht geglückt ist?
Nein, alles ist dasselbe. Die einzige Firma, die es trotz intensivster Anstrengung nie wirklich weit gebracht hat, ist ‚Simmons Jewellery’. Alle anderen Firmen und Ideen haben funktioniert und sich als eine fortwährende, interessante Herausforderung dargestellt.
Warum Herausforderung, wenn es doch erfolgreich ist?
Das lag immer an dem Unglauben der Leute, dass es funktionieren wird. Die Comedy, die Poetry, die TV-Show, erst Recht die Modemarke: Über sechs Jahre glaubte niemand an ihren Erfolg. Ich habe in der Zeit eine Menge Geld verloren, niemand wollte mit dieser Idee überhaupt etwas zu tun haben.
Was hat dich denn an diese Idee glauben lassen, wenn sie doch nicht funktionierte?
Das Wichtigste ist: Glaub an dich, dann glaubst du auch an deine Ideen und Visionen. Genau darum geht es auch in meinem Buch: um dich und den Glauben an deine Stimme.
Wie viel dieses Weges der Erfolge fußt auf Intuition, wie viel auf Wissen und Weisheit?
Wissen und Weisheit gibt es bei mir nur sehr begrenzt. Fast alles ist Instinkt.
Ist ‚Intuition’ also genau genommen nur ein anderes Wort für das, was du ‚innere Stimme’ nennst?
Der Begriff ist okay – du sagst Intuition, ich nenne es Gott. Wenn du möchtest, kannst du es auch gern Krishna oder Allah oder Adman nennen. Das ist am Ende alles das gleiche.
Da du gerade all die verschiedenen Gottheiten nennst: Hast du deine Religion gefunden?
Alle Religionen sind gut und richtig. Sie sind alle fein. Ich mag sie alle.
Kennst du die japanische Religion des Shintoismus?
Nein.
Sie besagt, dass es nicht einen Gott gibt, sondern dass in jeder Pflanze und jedem Lebewesen ein eigener Gott steckt.
Und genau deshalb sage ich, dass jede Religion so gut ist wie eine andere. Alles ist Gott, jeder ist Gott. Diese Erkenntnis habe ich durch das Yogasutra gewonnen, die Lehre der Yogis. Das hat mich sehr angesprochen, denn es besagt: Es gibt unendlich viele Wege zu Gott, und jeder Gott ist ein Mensch.
Wie passt das zu dem christlichen Führer Bishop Jordan...
Woher kennst du den denn?
Recherche.
Cool. Ja, er brachte mir die Grundzüge des christlichen Glaubens bei.
Es heißt sogar, er sei für dich früher so eine Art spiritueller Führer gewesen.
Nein, er hat sicherlich einen Einfluss auf mich, aber das geht zu weit. Er hat mir viel über die kosmische Ökonomie beigebracht, über das Geben und Nehmen unter Menschen. Aber am Ende hat mich doch nichts so sehr beeinflusst wie der indische Glaube der Yogis. Und doch habe ich durch Bishop Jordan viel über den Kreislauf des Gebens und Nehmens erfahren, darin ist er sehr gut und weise. Er hat auch meinem Bruder, Reverend Run, sehr viel beigebracht.
Mal was anderes: Hat es dich eigentlich je gelangweilt, ein dermaßen erfolgreicher Unternehmer für afroamerikanische Kultur zu sein?
Jeder kämpft darum, mehr Friede, Freiheit und Präsenz zu erlangen. In den Momenten, in denen wir präsent, also voll und ganz da sind, sind auch die Momente des empfundenen Glücks. Wir alle kämpfen darum, diese Momente zu erhöhen, mehr davon zu bekommen. Jeden Tag gibt es viel zu viele Momente, wo in deinem Kopf nur noch Lärm existiert und dich die Inspiration verlässt.
Selbst bei dir?
Jeder kennt und hat das. Nun, einige der wirklich weisen Yogis kennen diesen Zustand vielleicht nicht mehr, weil man sie als Heilige wahrnimmt, die in perfekter Verbindung zu Gott stehen. Sie sitzen nicht mehr in der Ecke und grämen sich, sie laufen herum und helfen, sind präsent. Und jedem, dem sie begegnen, zaubern sie ein Lächeln auf die Lippen. Weil sie und ihre Welt perfekt ist. Und sie wissen es. Denn eigentlich sind wir alle perfekt, wir wissen es nur nicht. Wir können die perfekte Ordnung der Welt einfach nicht erkennen. Die Sekunden, wo wir es sehen können – und es sind nur Sekunden – sind die Sekunden der Glückseligkeit und puren Freude.
Bist du also glücklich?
Mehr oder weniger. Die Zwischenräume der freudigen Sekunden sind mal häufiger, mal seltener. Wir alle kämpfen weiter um diese Momente, so auch ich. Bin ich also immer glücklich? Nein. Bin ich glücklicher als noch vor ein paar Jahren, wo ich dieses Wissen nicht hatte? Das möchte ich hoffen. Vielleicht bewege ich mich gerade in einen Raum der Güte und Glückseligkeit, der mich dauerhafter zufrieden sein lässt.
Wenn ich dich richtig verstehe, geht also darum, einen Ort zu erreichen, an dem man ununterbrochen glücklich sein kann?
Es geht darum, einen Ort der puren, reinen Freude zu finden, also das, was die Buddhisten Nirwana nennen oder was bei den Christen ‚christliche Bewusstwerdung’ heißt. Einen Ort, an dem jeder sein Recht hat und alles das gleiche ist und bedeutet. Es ist der Ort, an dem du deinen Frieden mit Gott findest, an dem dein Arsch endlich wieder in eine korrekte Ordnung gebracht wird.
Wie kommt man da hin?
Tue Gutes, so einfach ist das. Denn wenn du Gutes tust, lernst du schneller.
Diese religiösen...
Nicht religiös! Spirituell!
Okay, diese spirituellen Gedanken: Waren sie bereits in dir, als du...
Sie sind auch in dir. Du musst dich nur mit ihnen verbinden.
Offenbar schlafen sie aber noch.
Das ist okay. Irgendwann werden sie auch bei dir aufgeweckt.
Wann wurden sie es denn bei dir? Wurden sie dir bereits durch deine Mutter Evelyn näher gebracht?
Ja, das hat alles bereits in meiner Familie begonnen. Damals sagte ich: Ich mag die Kirche nicht. Sie schickten mich immer wieder dort hin, dabei gingen sie selber nie in die Kirche. Deshalb wollte ich auch nie. Aber nach einer Weile habe ich erkannt, wie gut und richtig das ist, was sie dort lehren.
Wie alt warst du da?
Etwa 30 Jahre alt. Vielleicht auch schon 34. In diesen zurückliegenden 15 Jahren habe ich unendlich viel gelernt.
Und zu der Zeit hast du auch mit Yoga angefangen?
Ja.
Wie kam’s dazu?
Ich wollte dort mitmachen, weil sie so viele süße Girls in der Yoga-Klasse hatten. Ich kam aus der Klasse und war extrem glücklich, und das nicht nur wegen der Mädchen. Die Präsenz, das Atmen, die Entschleunigung der Welt, der bessere Durchblick – das alles mochte ich auf Anhieb an Yoga. Und dann war es sehr schnell weit mehr als nur die Mädchen für mich. Denn ich erfuhr, dass es darin einen Weg gibt, der weitaus inspirierender war als alle anderen. Und als ich diesen Pfad erst mal gefunden hatte, war er sehr hilfreich für mich.
Aus diesen Erfahrungen heraus hast du in den letzten Jahren zahlreiche Hilfsorganisationen und Charity-Projekte gestartet. Gibt es darunter ein Projekt, das du als das für dich persönlich wichtigste betrachten würdest?
Ich denke, dass die Bewusstmachung und Weiterempfehlung dieser spirituellen Gedanken weitaus wichtiger ist als alle Charity-Projekte. Ferner sehe ich in der Möglichkeit, den Menschen, die mir bei diesen Projekten helfen, eine neue, ungeahnte Kraft zu verleihen, einen sehr wichtigen Aspekt. Nehmen wir als Beispiel die ‚Art Foundation’: Sie gibt den Menschen die Möglichkeit, ihre Vorstellungskraft zu kultivieren. Alle Ideen und Projekte, die anderen Menschen neue, ungeahnte Kräfte verleihen, sind richtig und gut. Darum geht es: Menschen dahin zu bringen, dass sie ihre eigene Entscheidung und Wahl treffen können. Um anderen wieder Gutes zu tun. Die Bewusstmachung steht immer an erster Stelle. Das ist der Schlüssel. Denn was bringt dir die schönste Bücherei, wenn niemand den Mut hat, sie auch zu betreten?
Bleiben wir bei der ‚Art Foundation’, bei der du Kindern aus dem Ghetto die Möglichkeit gibst, ihre künstlerischen Talente zu entdecken. Was mich daran wundert: Wie bringst du ein junges Ghetto-Kid dazu, Kunst spannender zu finden als Waffen, Drogen und Frauen?
Ich habe nichts gegen Drogen und Waffen. Gerade die Drogen machen doch eine Menge Spaß. (lächelt) Zu deiner Frage: Ich weiß es nicht. Ehrlich nicht. Aber es funktioniert. Weil ich es immer wieder versuche. Du kannst niemandem zu seinem Glück zwingen, du kannst ihm nur eine Vorstellung von guten und schlechten Ideen vermitteln und ihm zeigen, warum eine gute Idee am Ende mehr Freude bereitet, indem man Beispiele gibt.
Und wie hast du andererseits all diese konservativen Bankmenschen von der Idee überzeugt, zusammen mit dir die RushCard zu entwickeln, also eine Kreditkarte für mittellose Menschen, die sich kein Konto leisten können?
Auch hier: durch mehr Bewusstmachung. Auch diese Idee hat mich ein Heidengeld gekostet, über Jahre lief sie defizitär. Im letzten Jahr nun war sie erstmals profitabel. Wie ich das gemacht habe? Ich habe den Herren klar gemacht, wie wichtig und notwendig diese Karte ist. Immer mehr Menschen fallen in diese Gruppe der Unterprivilegierten, also gibt es auch immer mehr potenzielle Kunden für so eine Karte. Natürlich war die Überzeugungsarbeit schwierig und anstrengend, aber diese Frage stellt sich nicht, wenn du gleichzeitig das Gefühl hast, dass es absolut notwendig ist. Du musst eben einen mittelfristig profitablen Weg für so eine Idee finden, also einen Weg, der auch diese Typen interessiert. Du musst sie inspirieren mit Profit und ihnen zeigen, wie so eine Karte in den Kreislauf des Gebens und Nehmens passt. Auch diese Leute haben kapiert, dass sie nicht bis zum jüngsten Tag nur nehmen können, weil sonst die Welt explodiert. Das ist auch ein gutes Beispiel für meine These, dass die Bewusstmachung der zentrale Aspekt aller Unternehmungen ist.
Gibt es in diesem Kreislauf des Gebens und Nehmens auch Beispiele, wo du weit mehr zurück bekamst als du erwartet hast?
Das geht mir in allem so. Wenn du erst mal 100 Millionen Dollar mit Mode verdient hast, ist das keine Frage mehr, mit der du dich beschäftigst. Das zum Beispiel hätte ich niemals erwartet. Mit Musik war es dasselbe, ebenso mit der Poetry- und der Comedy-Reihe. Auch, dass mein neues Buch auf die Bestseller-Listen schießt, hätte ich niemals gedacht. Darin geht es nur um Bewusstsein und Liebe – hättest du gedacht, dass sich ein solches Buch derart gut verkauft? Du weißt es nie. Du tust es aus Liebe heraus und hoffst natürlich, dass es zu etwas wird, das Menschen erreicht und sie beflügelt, aber man kann darauf niemals wetten. Nichts, was ich tue, gäbe eine gute Wette ab. (Russells Handy klingelt, dran ist Jinx, ein junger Rapper, den er entdeckt hat)
Das war der junge Mann aus schwierigen Verhältnissen, der dich dazu veranlasst hat, dein neues Buch zu schreiben, korrekt?
Ja, das stimmt. Woher weißt du das?
Auch hier: Recherche.
Irre. Ja, für ihn habe ich das Buch geschrieben. Weil er immer noch kämpft – seine Vergangenheit kämpft mit seiner Gegenwart und mit den Dingen, die er inzwischen erkannt hat. Er ist durch unendlich viel Scheiße gegangen, und ein Freund und ich haben uns ihm angenommen und uns bemüht, ihn auf den richtigen Weg zu bringen. Er wurde mehrfach angeschossen, zuletzt als Besucher einer Beerdigung. Fast alle seine Freunde sitzen im Gefängnis. Und trotzdem ist es uns gelungen, ihn von den richtigen Werten zu überzeugen. Nun wächst er heran als ein verantwortungsvoller, bewusster junger Mann. Und darum geht’s. Jinx ist das perfekte Beispiel, was man bewirken kann. Darauf bin ich sehr stolz. Auf ihn und auf mich.
Was ist das eigentlich für eine Welt, in der man als Besucher einer Beerdigung niedergeschossen wird?
Das ist genau diese Niedertracht, die unsere Communities zerreißt. Weißt du, die ganze Welt diskutiert über die Gewalt in Rapmusik, aber niemand spricht über die tatsächliche Gewalt in unseren Gemeinschaften. Derzeit werden in Philadelphia mehr Kids in Straßenschlachten getötet, als du dir jemals vorstellen könntest. Und dann sagen die Außenstehenden: Warum ist da so viel Gewalt im Rap? Es ist die gleiche Gewalt, die diese Kids in ihrem täglichen Leben erfahren. Es ist doch die beste Therapie, um aus diesen Verhältnissen heraus zu kommen, wenn sie darüber in ihren Raps erzählen. Zumal sie darin ja auch über bessere Dinge erzählen; besser als alles, was sie in ihrem Leben bisher erlebt haben. Denn sie wissen es eigentlich besser, sie bekommen nur nie die Chance, es auch zu leben.
Diesem authentischen Story-Telling gegenüber steht dein Vorstoß, Worte wie ‚Bitch’, ‚Fuck’ und ‚Nigger’, also integrale Bestandteile des Geschichtenerzählens im Rap...
...aus dem Mainstream-Radio zu tilgen, mehr nicht. Die Worte machen mir nichts aus, sie sollen nur dort nicht mehr auftauchen. Ich fühle mich nicht angegriffen durch Worte, aber ich denke, es ist schon sinnvoll, alles zu tun, was die eigene Community schützt. Und auch, wenn es, wie du sagst, ein fester Bestandteil der HipHop-Kultur ist, müssen deine Mutter und deine Tochter nicht unnötig häufig ‚Bitch’ im Radio hören. Wenn sie das unbedingt hören wollen, sollen sie es sich kaufen. Come on bitch, buy it! (lacht)
Findest du nicht, dass eine solche Aktion nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, wenn man sich dagegen ansieht, wie sich manche HipHop-Stars als Gangster inszenieren?
Ich habe keine Antwort auf die Frage, was genug ist, ich versuche nur, die Ohren derjenigen zu schützen, die vor so etwas geschützt werden sollten. Diese jungen Kids verstehen die Bedeutung dieser Worte nicht, sie wissen nicht, was sie kulturell bedeuten. Sie nehmen sie in ihren Sprachgebrauch auf und wissen nicht um die Verletzungen, die sie damit anderen Menschen zufügen.
Dann allgemeiner: Wie fühlst du dich mit der modernen HipHop-Kultur, mit Typen wie 50 Cent, der seine eigene Geschichte als Krimineller zum Image macht?
Ich mag 50 Cent. Und was deine allgemeine Frage angeht: Kids aus Compton hören sich heute Rap an, der von Kids aus Beverly Hills gemacht wurde. Und umgekehrt. Das ist gut, oder nicht? Und wenn die Kids in Beverly Hills sich Rap aus Compton anhören, werden vielleicht auch die korrupten Eltern beginnen, sich mit den Problemen der Armen und Unterdrückten auseinander zu setzen, weil sie sich fragen: Warum hört mein Kid so etwas? Was steckt dahinter? Ich mag den Rap von heute. Er erzählt noch immer die Wahrheit, er erfüllt in diesem Zusammenhang noch immer die gleiche Aufgabe wie damals, als alles begann. Er wurde nicht komplett übernommen von einer kleinen Gruppe reicher Leute, die die Werte des HipHop korrumpieren. Die Inhalte sind einfach nur breiter geworden. Da gibt es einen Eminem, der über das Leben im Trailerpark erzählt, da ist ein 50 Cent, der über die Projects erzählt, da ist ein Ludacris, der sich in seinen Texten für die Belange seiner Community einsetzt, du hast eine Alicia Keys, die sich mit ihren Songs für die Rettung Afrikas engagiert. Es gibt so viele unterschiedliche Menschen, die von ihrem Weg raus aus der Armut erzählen und bedeutsame Dinge sagen.
Wird der HipHop denn älter, erwachsener?
Zum Teil ja, manches wird jünger. Jinx ist junger HipHop. Aber ja: Der HipHop reift und wird älter. Ich werde älter. Ich bin schon verdammt alt. (lacht)
Fühlst du dich denn alt?
Zuweilen sehr. Es gibt bereits eine ganze Latte an Yoga-Übungen, die ich mit meinem alten Körper nicht mehr hinbekomme. Ich kann zum Beispiel nicht mehr länger als höchstens zwei Minuten auf einem Bein stehen.
Und doch schrieb man erst neulich über dich: „Russell ist so erfolgreich, weil er bis heute den Finger auf den Puls der Jugend legt und weiß, was Kids hören, sehen und tragen.“
Das kann nur jemand sagen, der sich komplett außerhalb der Kultur bewegt. Denn ich bin kein Pulsmesser, ich bin für meine Begriffe sogar immer spät dran mit dem Entdecken und Entwickeln von Trends. Die Mode, die Poetry, die Comedy – all das wurde ja schon vor langer Zeit in den Communities losgetreten, bevor ich es entdeckt und weiter entwickelt habe. Das war alles bereits heiß, bevor ich mich überhaupt damit zu beschäftigen begann. All das, was ich angefasst habe, wurde von den Communities doch bereits innig gemocht. Ich habe diese Dinge nur genommen und einen Schritt weiter entwickelt. Weil ich bemerkte, dass die Leute darauf warten, dass ich jemand dieser Kultur und ihren Ausprägungen annimmt.
Wie du selbst einmal sagtest: „Ich versuche nur, all dem einen Rahmen zu geben, was offensichtlich ist.“
Das ist es. Das ist die exakte Antwort auf alles, ja. Wie mein neues Buch: Es beschreibt ausschließlich, was offensichtlich ist. In diesem Buch steht absolut nichts Neues, ich habe den bekannten Auffassungen nur einen neuen Rahmen gegeben. Den Inhalt kennt jeder – deine Mutter hat dir davon erzählt, dein kirchlicher Führer hat dir davon erzählt, der Profit hat dir davon erzählt. Du musst nur in dich schauen, über deine Gedanken meditieren, und du wirst heraus finden: Es ist alles wahr. Der ganze Shit ist offensichtlich, und dieses Buch hilft dir dabei, das Offensichtliche wieder zu entdecken.
Letzte Frage: Was bleibt für dich noch zu erobern?
Erobern ist ein komisches Wort. Die Welt wird sich endlos weiter drehen, ob ich hier bin oder nicht. Nichts wird sich ändern, zumindest nicht allzu zu sehr. Was mich betrifft: Ich möchte friedlich sein und friedlicher werden. Ich würde gern irgendwann einen Dauerzustand des Yogas erreichen, mein eigenes Nirwana. Das ist ein Kampf, der bereits mehr als groß genug ist. Das innerhalb eines Lebenszyklus zu erreichen, ist ein Ziel, das mehr als ausreicht.